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Ohne Maske

Schon als kleines Mädchen spürt Thea, wenn jemand unehrlich ist. Natürlich kann sie das noch nicht wirklich einordnen. Später weiss sie genauer, was sie wahrnimmt, aber weil ihre Mutter oft sehr wütend reagiert, versucht sie nie, mit ihrem Gegenüber darüber zu streiten. Sie behält ihre Wahrnehmung für sich.

Einmal sollen ihr Bruder, ihre Schwester und sie selbst bestraft werden, weil niemand von ihnen zugibt, wer die Porzellanfigur auf der Truhe im Flur kaputt gemacht hat. Thea gibt es schliesslich zu, damit wieder Ruhe einkehrt. Aber ihre Mutter weiss genau, dass sie es nicht gewesen ist. Das Einzige, was Thea will, ist Frieden. Schon früh spürt sie, wie schwer Unehrlichkeit in einem Raum liegen kann. Selbst wenn niemand etwas sagt, ist sie da. Fast greifbar. Als würde sich etwas zwischen die Menschen schieben.

In der Schule behauptet einmal der Erdkundelehrer, Thea – sie ist 15 Jahre alt – habe im Atlas, der eine Leihgabe der Schule ist, Seiten mit Bleistift vollgekritzelt. Sie wird mit ihren Eltern zu einem Gespräch gebeten, und was ihr bis heute in Erinnerung bleibt, ist der Satz ihrer Mutter zum Erdkundelehrer: « Meine Tochter lügt nicht! »

Auch später, als sie selbst Kinder hat, versucht Thea ihnen klarzumachen, dass es im Leben immer besser ist, die Wahrheit zu sagen. Man muss die Konsequenzen zwar selbst tragen, aber genau darin liegt Würde. Manchmal ist die Wahrheit unangenehm, und oft greifen Menschen dann zu einer sogenannten Notlüge. Aber es bleibt trotzdem eine Lüge. Für Thea ist es in manchen Situationen dann einfach besser, nichts zu sagen, als zu lügen.

Denn jedes falsche Wort legt sich wie eine Maske über das, was wirklich da ist. Thea spürt das. Schon immer. Sie spürt, wenn etwas nicht übereinstimmt. Wenn Worte gesagt werden, die nicht mit dem übereinstimmen, was darunter liegt.

Und schliesslich gibt es natürlich noch die Selbstlüge. Thea weiss, dass sie sich manchmal selbst belügt, obwohl ihre Wahrnehmung ihr längst etwas anderes vermittelt hat. Aber irgendwann wird ihr bewusst, dass sie den Mut braucht, hinzuschauen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Wahrheit – auch sich selbst gegenüber – ist keine Schwäche. Sie ist Klarheit.

Dann kommt Theas letzter Besuch bei ihrer Mutter im Altersheim. Sie weiss, dass ihre Mutter ‘gehen’ wird, und diese verabschiedet sich von Thea mit den Worten:
« Ich danke dir dafür, dass du immer ehrlich zu mir warst …! »
Es berührt Thea so tief, dass sie den Rest von dem, was ihre Mutter sagt, zwar hört, aber nicht behalten kann.

Ehrlich zu sein bedeutet für Thea auch, echt zu sein. Sich nicht zu verstellen, um anderen Menschen zu gefallen, und sich selbst treu zu bleiben. Keine Maske zu tragen, nur damit es leichter wird. Nur in dieser Haltung kann wirkliche Selbstliebe entstehen. Alles andere sind Spiele, die wir zuerst mit uns selbst spielen.

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