Verantwortung
Johanna steht noch ganz am Anfang ihres Weges, ein bewusster Mensch zu werden. Doch auch zu dieser Zeit gibt es bereits Vorträge und Veranstaltungen, die in diese Richtung weisen. So landet sie eines Abends mit einer Freundin in einem voll besetzten Saal.
Ein Mann, Therapeut und Autor mehrerer Bücher, hält einen Vortrag – auf eine sehr theatralische Art, die das Ganze umso eindrücklicher macht. Irgendwann bittet er eine Frau zu sich auf die Bühne und fordert sie auf, vor dem Publikum von ihrem persönlichen Problem zu erzählen. Die Frau spricht von ihrem Sohn. Er ist längst erwachsen, lebt aber immer noch zuhause und lädt jedes Problem bei seiner Mutter ab.
Plötzlich geht der Vortragende zum Bühnenrand, hebt einen schweren Backstein auf und überreicht ihn der Frau auf beide Hände und Unterarme. « Übergib die Verantwortung für sein Leben endlich deinem Sohn. Ich bin jetzt dein Sohn. » Die Frau zögert kurz – und übergibt ihm den Backstein.
Johanna ist fasziniert von dieser Szene. Sie wird sie nie mehr vergessen. Zuhause wird ihr bewusst, dass sie mit ihren eigenen Kindern bereits ab einem Alter von drei oder vier Jahren ähnlich umgegangen ist. Nicht aufspringen und etwas für sie aufheben oder wegputzen, sondern sie selbst machen lassen. Und später, wenn sie zum Beispiel nicht am vereinbarten Treffpunkt waren, an dem sie abgeholt werden sollten, mussten sie eben zu Fuss gehen. Heute, mit dem Handy, wäre eine solche Entscheidung vermutlich schwieriger umzusetzen.
Natürlich gibt es Situationen, in denen man einem anderen Menschen nicht einfach alles selbst überlassen kann – wenn jemand krank oder gebrechlich oder bereits sehr alt ist. Keine Frage.
Aber die Arbeitsstelle verlieren, kein Auto mehr haben, Schulden nicht bezahlen können oder andere Schwierigkeiten des eigenen Lebens gehören nicht Mutter oder Vater. Und auch nicht dem Partner oder der Partnerin. Der Backstein gehört demjenigen, dessen Leben es ist.
Johanna weiss sehr wohl, dass viele Menschen die Verantwortung für das, was in ihrem Leben geschieht, immer wieder von sich wegschieben. Und natürlich kennt auch sie Situationen, in denen sie eingesprungen ist und geholfen hat. Sie bereut das nicht. Denn Mitgefühl gehört zum menschlichen Zusammenleben und ist etwas Kostbares. Doch Mitgefühl bedeutet nicht, einem anderen Menschen die Verantwortung für sein Leben abzunehmen.
Das Gewicht des Backsteins darf dort bleiben, wo es hingehört. Auch derjenige, der hilft, bekommt energetisch etwas zurück. Nicht umsonst gibt es den Begriff «Helfersyndrom». Vielleicht kann es sich gut anfühlen, gebraucht zu werden, Probleme zu lösen oder jemandem etwas abzunehmen.
Doch ein Leben zu führen, für das man sich selbst nicht verantwortlich fühlt, weil man vielleicht nie gelernt hat, was Verantwortung eigentlich bedeutet? Für Johanna ist das kaum vorstellbar.
Und trotzdem kann sie einen Menschen dort stehen lassen, wo er gerade steht – mit Verständnis und Mitgefühl. Und mit seinem eigenen Backstein in der Hand.